Aftercare, mehr als kuscheln

Aftercare, diese magische Zeit nach der Session. In der man nur füreinander da ist und nichts auch nur im Ansatz den Frieden und das Glück, das man für sich und den anderen empfindet, stören kann. Du gönnst dir ein verdientes Glas Wein, während er/sie/es zu deinen Füßen sitzt und dankbar zu dir aufschaut, ob deiner fantastischen Leistung…

Tja, an dieser Stelle muss ich mal kurz reingrätschen und dir das Glas aus der Hand nehmen. Aftercare kann natürlich so oder so ähnlich aussehen, es sollte aber auch nicht vergessen werden, dass Aftercare mitunter sehr anstrengend sein kann und vielleicht sogar noch mehr Mut erfordert, als eine Grenze im Spiel zu überschreiten.

Spielregeln beim Aftercare?

Für mich gibt es die schon, allerdings würde ich sie wohl nicht so direkt als Regeln bezeichnen. Viel mehr handelt es sich dabei eher um Selbstverständlichkeiten, die ein harmonisches Miteinander sichern sollen.

Am wichtigsten dabei ist: Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Damit meine ich, dass es für mich in der Situation eines Aftercare kein Machtgefälle mehr geben sollte. „Klar“, werdet ihr jetzt sagen, „wie soll das sonst funktionieren.“

Tja, so klar ist das meistens gar nicht. Nach dem Spiel müssen alle Beteiligten erstmal zurück in das Hier und Jetzt finden, da kann es schon sein, dass du selbst noch so in deiner devoten Seite hängst, dass eine klare Aussprache gar nicht sofort möglich ist. Vielleicht ist auch etwas Unschönes passiert, von dem du noch nicht genau weißt, wie du damit umgehen sollst, und du bist dazu gezwungen deinem Dom klar zu sagen, dass Dinge für dich anders laufen müssen beim nächsten Mal.

Anders herum kann es für eine/n Dom nicht ganz leicht sein, sich Kritik anzuhören, wenn man gerade noch die komplett unangefochtene Herrschaft hatte. Da heißt es dann, das Ego runterschrauben und erstmal – ohne dazwischen zu reden – zuhören. Kaum eine andere Situation zeigt so schnell den wahren Charakter eines Menschen, wie die, in der man Kritik an ihm übt.

In jedem Fall müssen die Aussagen klar sein. Mit einem „Das war irgendwie nicht so toll“, kann keiner was anfangen. Wenn du etwas loswerden musst, dann formuliere es möglichst so, dass dein Gegenüber auch damit arbeiten kann. Das geht manchmal nicht so schnell und deswegen:

Aftercare mit open end

Aftercare hört nicht nach dem Einschlafen auf. Oft genug sind Dinge noch gar nicht verarbeitet, die aber eventuell zwei Tage später einer Klärung bedürfen. Es schadet gar nichts, wenn man ein paar Tage später die letzte Session nochmal anspricht, dabei ist auch völlig egal, wer anfängt.

Mir persönlich ist es lieber, meine Sub sagt mir ein paar Tage später, dass ihr diese eine „Sache“ mehr Angst gemacht hat, als sie dachte, und sie es deswegen beim nächsten Mal anders machen möchte, als dass da etwas Unerwünschtes in ihr brodelt.

Als Dom glaube ich auch nicht, dass mir eine Nachfrage bei meiner Sub als Unsicherheit ausgelegt wird, eher als Fürsorge. Das zu beantworten liegt aber nicht in meiner Hand. Ich fühle mich danach jedenfalls besser.

Kontrollverlust

Währenddessen und auch nach so einer Session kann einiges an die Oberfläche kommen, das muss nicht immer etwas Negatives sein, auch wenn es eventuell im ersten Augenblick so aussieht. Ein Beispiel aus meinen Anfängen:

Wir hatten gerade eine sehr intensive Session hinter uns und eigentlich wirkte alles so, als hätte es ihr „Spaß“ gemacht, dann fängt sie aus dem nichts an zu weinen. Sie war richtiggehend aufgelöst und brachte kein klares Wort mehr aus ihrem Mund. Mir drehte sich der Kopf. Was habe ich falsch gemacht? War es zu fest? Habe ich was übersehen? Sollte ich sie jetzt in den Arm nehmen oder lieber Abstand halten? Kein Mensch bereitet dich am Anfang auf so eine Situation vor. Ich habe mich also zu ihr gelegt und sie gefragt ob ihr etwas weh tut oder ich einen Fehler gemacht habe und ob ich irgendwas tun kann. Sie schüttelte nur den Kopf und mir war klar, dass die Erklärung noch eine Weile auf sich warten lassen würde. Ich nahm sie also in den Arm und hielt sie. Eine halbe Stunde später hatte sie sich wieder soweit im Griff, dass sie mir erklären konnte, was los war. Sie sagte mir, dass sich bei ihr emotional so viel angestaut hat und diese Session das alles endlich gelöst hat. Nach dem sich das alles seinen Weg gebahnt hatte, war sie viel entspannter und fröhlicher als vorher. Es hat sich rausgestellt: Ich habe alles richtig gemacht. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie verunsichert ich war, und auch heute noch ist das für mich eine eher unangenehme Situation, einen Menschen so hilflos seinen Emotionen ausgeliefert zu sehen.

Worum es für mich geht

Beim Spielen legt man sich seinem Partner völlig offen dar, das muss auch für danach gelten. Ist das nicht der Fall, hast du dir einfach nur ziemlich heftig den Arsch versohlen lassen und sonst nichts. Einigen mag das ausreichen, was nebenbei gesagt auch völlig in Ordnung ist, für mich persönlich steckt aber mehr hinter BDSM.

Es geht auch darum, sich selbst vollständig wahrzunehmen. Das tut man natürlich vor allem innerhalb des Spiels, aber um wirklich zu verstehen, was da gerade alles passiert ist, braucht es eben auch Aftercare.

Aufgefangen und gehalten werden. Reflektieren und lernen. Nur so kann ich mir auch nach der Session noch für längere Zeit Energie aus unserem Spiel ziehen und mich auf das nächste Mal richtig freuen.

Danke für eure Aufmerksamkeit 🙂

Herr Shibari

Autor: Herr Shibari

Ist Herr dieser Seite. Schreibt Kurzgeschichen und Blogbeiträge.

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