Grenzen überwindet man nicht in der Komfortzone

Man kennt das, sie ist gerade absolut bewegungsunfähig. Ihr wisst es, jetzt kann alles passieren, du bist bereit, sie ist bereit. Du hast dir alles vorher überlegt, das wird das große Finale! Doch als du die Stichsäge hervor holst und dich dramatisch vor ihr aufbaust… „Stopp!“ „Aber…“ „STOPP!!!“ Tja, die Stimmung ist hin und du fängst an, sie wieder loszubinden. Die Sub von Jürgen hat da anstandslos mitgemacht, einmal mit Profis.

Es gibt für alles ein erstes Mal, ganz klar. Was vielen aber weniger bewusst ist: Es gibt für alles auch ein letztes Mal. Wenn du vermeiden möchtest, dass mit dir ein paar letzte Male stattfinden, dann kann es helfen, sich an die eine oder andere Überraschung in deiner Session langsam heranzutasten. Ich möchte meine Gedanken zu dem Thema in diesem Beitrag mit dir teilen.

Grundsätzlich gilt…

Über einiges kann man reden, andere Dinge sind absolute No-Gos und werden im Spiel nicht angetastet! Diese Grenzen können sich im Laufe einer Beziehung natürlich verschieben, sie sollten es aber nicht in einer Session tun. Es kann und sollte über alles gesprochen werden, dass schließt No-Gos nicht aus, aber eine Grenze zu überschreiten ist NIEMALS die Entscheidung nur einer Person und wenn dieser Gedanke nicht auf Grund von Vernunft oder Respekt in deinen Schädel passt, dann wenigstens aus Selbstschutz. Ein „Ich dachte, sie wollte das so“, rettet dir nicht den Arsch.

Wir sprechen hier schließlich nicht nur von mehr Schlägen auf den Hintern und die Überwindung der eigenen Schmerzgrenze. Es geht auch um Ängste und innere Blockaden, die sich besser ein Profi ansieht, der keine Peitsche in der Hand hat.

Ich bekomme immer wieder mit, dass sich in der Szene über Menschen aufgeregt wird, die einen Katalog an Dingen haben, mit denen sie nichts anfangen können. „Das sind keine richtigen Subs“, „Als Dom sollte man das auf jeden Fall mal gemacht haben“, „Dann sollen die das doch bitte lassen mit dem BDSM“, „Also wenn das schon nichts für dich ist, dann…“ und vieles mehr.

Dazu mal ein kleines Statement meinerseits: Ihr seid nicht die BDSM-Polizei, das ist niemand. Es steht euch nicht zu, die Grenzen anderer zu kritisieren oder ihnen den „Titel“ abzuerkennen. Ihr wisst nicht worauf ihre Abneigungen sich begründen und niemand zwingt euch dazu, mit einem Menschen zu spielen, der euch zu viele Regeln hat.

Aber wie taste ich mich nun am besten an so eine Grenze heran?

Schritt für Schritt

Wenn du ein Instrument lernst, dann fängst du damit nicht auf der Bühne an und wenn du laufen gehen möchtest, dann beginnst du nicht bei einem Marathon. Warum sollte das also bei BDSM anders sein? Sicher, es geht hier nicht um den Neueinstieg in das ganze Thema, trotzdem kann man – glaube ich – schon sagen, dass etwas Neues bei der Session auszuprobieren auch immer damit verbunden ist, etwas in der Form zum ersten Mal zu tun. Denn auch, wenn du das mit anderen vielleicht schon mal gemacht hast und dein Partner eventuell auch, so wird das für euch in der Konstellation ganz sicher das erste Mal sein.

Am besten lassen sich Dinge vorbereiten, wenn man es nicht alleine macht, soll heißen: Hol‘ deinen Partner mit ins Boot. Hat sie damit schon Erfahrung, wenn ja, wie war das für sie? Kann sie damit überhaupt was anfangen? Wenn ich ein neues Spielzeug ausprobieren möchte, dann zeige ich es ihr im Normalfall vorher und schaue, wie sie reagiert. Meistens kommen da schon die ersten Fragen zur Anwendung und man probiert „trocken“ ein wenig herum. Das kann sogar ganz witzig sein. Nirgends hat man so viel Spaß wie wenn man zum Stammtisch zum Beispiel ein neues Spielzeug mitbringt, da kommen Anwendungsmöglichkeiten zum Vorschein, an die man gar nicht gedacht hat. Das aber nur mal am Rande.

Soll es wirklich eine Überraschung sein, dann ist eine Sache ganz wichtig: Vertrauen. Solche Sachen sind sicher nichts für die erste oder zweite Session, vielleicht nicht mal für die vierte oder fünfte. Dein Partner muss wissen, dass du dein Handwerk verstehst und das du nichts tun würdest, was feste Grenzen verletzt.

Man kann so eine Sache im übrigen auch „aufbauen“. Ein kleines Beispiel: Ich lege gerne alles was ich verwende vorher hübsch aus. Sie sieht, was kommt oder kommen könnte. Die Spannung steigt und ich hatte noch nie eine Sub, die dann eher gelangweilt war. Es ist wie die Ankündigung: „Heute wird dir noch richtig der Arsch versohlt“, aber ohne Zeitangabe. Ein tolles Mittel für einen langsamen Aufbau. Man muss dann nur auch abliefern, sonst wird das beim nächsten mal nicht mehr für ein schmutziges Lächeln sorgen, sondern eher an enttäuschte Erwartungen vom letzten Mal erinnern.

Wozu es nützt?

Wieso sollte das überwinden bestimmter Grenzen nicht nur Spaß machen, sondern sogar einen Sinn haben?

Warum überhaupt Grenzen überwinden wollen? Die stehen doch sehr gut da, wo sie sind. Ich weiß was mir Spaß macht, kenne meine No-Gos und wem das nicht passt, kann sich ja jemand anderen suchen. Eine völlig legitime Einstellung, die ich sogar unterstütze. Wenn du deinen eigenen Weg gehst und damit zufrieden bist, ist das eine super Sache. Ich möchte hier auch niemanden dazu bekehren irgendwas zu machen, bei dem er/sie sich nicht wohlfühlt.

Manchmal steht man aber nun mal nicht alleine da. Vielleicht hast du einen festen Dom oder lebst in einer monogamen Beziehung und auch, wenn das nicht der Fall ist, dann haben die meisten von uns doch geheime Wünsche und Sehnsüchte, die sie gerne ausleben wollen. In den wenigsten Fällen macht man das von Anfang an. Natürlich kann ich nur aus meinem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen, aber ich habe mich an alles, was ich heute mache, langsam herangetastet, einiges davon konnte ich mir vor ein paar Jahren noch gar nicht vorstellen und habe es kategorisch für mich abgelehnt. Darunter Dinge, die ich heute sehr gerne mit meiner Partnerin mache, zum Beispiel das Fesseln oder Atemkontrollspiele.

Letzteres erfordert viel Übung, man muss sein Gegenüber kennen oder zumindest die Signale sicher deuten können. Das erfordert uneingeschränktes Vertrauen, wenn man sich aber darauf einlässt, kann es eine echte Bereicherung für das Spiel sein.

Die Einwilligung zur Überschreitung bestimmter Grenzen ist immer auch ein Vertrauensbeweis seitens deiner/s Subs, was für mich als Dom das Ganze auf eine neue Ebene bringt. Außerdem ist es auch die Erfüllung geheimer Träume, die natürlich nicht nur vom dominanten Part ausgehen, und einen als Paar und auch persönlich weiter bringen. Wer kennt es nicht, das erhebende Gefühl, etwas geschafft zu haben, das anfangs noch unerreichbar schien? Man schöpft aus solchen Erfolgen nicht nur neues Selbstvertrauen, sondern auch Kraft. Dass das immer auch mit einer gewissen Anstrengung einhergeht, lässt sich nicht vermeiden. Was wäre ein Erfolg ohne das Gefühl, ihn sich verdient zu haben? Von nichts kommt schließlich nichts.

Abschließend

Grenzen gemeinsam zu überwinden kann eine tolle Erfahrung sein, die die Partnerschaft festigt und einen vielleicht sogar in der persönlichen Entwicklung weiterbringt. Mit dem richtigen Partner kann es das Spiel abwechslungsreicher und in vielerlei Hinsicht spannender machen. Lass euch Zeit, wo ihr sie braucht und findet euer eigenes Tempo. Ihr seid nicht die anderen.

Ich danke euch, dass ihr bis hierhin durchgehalten habt und viel Spaß, bei allem was ihr in Zukunft ausprobieren möchtet.

Herr Shibari

Autor: Herr Shibari

Ist Herr dieser Seite. Schreibt Kurzgeschichen und Blogbeiträge.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.